Gefangen in der ideologischen Zwangsjacke

Von Heiner Flassbeck

veröffentlich in „neues deutschland“, treat Berlin, 27./28.04.2013, S. 22

Die Art und Weise, wie in dieser Debatte die Frage nach der Rolle der keynesianischen Theorie zur Lösung der Krise gestellt wird, zeigt das entscheidende Missverständnis, um das es in der Öffentlichkeit geht. Das ist so, als ob man fragt, was taugt die Mathematik zur Lösung der Probleme der Erforschung des Weltalls? Gar nichts, kann man darauf mit gewissem Recht antworten. Sicher aber ist dennoch, dass man ohne Mathematik weder das Weltall erforschen noch raumfahren könnte.

In einer Zeit, wo die entscheidenden logischen Zusammenhänge, wie die zwischen Schulden und Sparen zum Beispiel, nicht verstanden werden, wird das, was oft mit Keynesianismus bezeichnet wird, zunächst zu einem Hilfsmittel, das dazu dient, die Gedanken zu sortieren und mikro- von makroökonomischen Zusammenhängen zu unterscheiden. In einer Zeit, wo die Bundeskanzlerin glaubt, alle Länder der Welt hätten über ihre Verhältnisse gelebt oder alle europäischen Länder könnten ihre Wettbewerbsfähigkeit einfach dadurch verbessern, dass sie die Löhne senken, geht es eigentlich nur noch am Rande um Keynesianismus. Vielmehr geht es um den gesunden Menschenverstand. Ist beispielsweise die Aussage, dass zwischen zwei Staaten, deren Währungen in etwa ihre Inflationsratendifferenzen widerspiegeln, ein Land nicht mit Lohnsenkung seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern kann, Keynesianismus?

Auch in dem Bereich, der dem Keynesianismus in dessen populärer Variante nähersteht, nämlich dem Bereich der Schulden, braucht man hauptsächlich den gesunden Menschenverstand, nicht aber großartige Theorien oder gar dubiose Berechnungen von Ökonomen zu Schuldengrenzen: So bezifferten zwei Harvard-Ökonomen die maximale staatliche Gesamtverschuldung, die sich noch bewältigen lasse, auf 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Diese Marke löste sich gerade in Luft auf.

Jeder vernünftige Mensch würde sagen, dass in einer Zeit, wo die privaten Haushalte bei hoher Arbeitslosigkeit verunsichert sind und zudem nicht über das Einkommen verfügen, um mehr für Konsum auszugeben, staatliche Ausgabenkürzungen die Wirtschaft schwächen, wenn nicht ein Wunder geschieht. Wer würde ernsthaft behaupten, dass der Staat mit höherer Kreditaufnahme private Investoren verdrängt, obwohl die Zinsen für staatliche Kredite ganz nahe bei Null liegen? Wer, außer manchen Mitgliedern dieser Bundesregierung, würde sagen, dass die Regierung sich der Schuldenfrage verschließen kann, wenn, wie das in Deutschland der Fall ist, die privaten Haushalte und die Unternehmen Nettosparer sind und bisher das Ausland der Hauptschuldner war.

Aber all das wird von bestimmten Kreisen zum Teil mit Argumenten bestritten, die so hanebüchen sind, dass sich die Feder sträubt, sie aufzuschreiben. Es geht eben um den großen ideologischen Kampf Markt gegen Staat und der überlagert leider fast alle wirtschaftlichen Fragen. Was lehrt uns das?

Nun, das lehrt uns, dass wir nicht immer wieder von neuem in die alten längst geschlagenen theoretischen Schlachten um den Keynesianismus ziehen müssen, sondern selbstbewusst unseren Verstand benutzen sollten. Damit, dass es dann immer noch Ideologen gibt, die selbst das kleine Einmaleins in Frage stellen, wenn es ihnen ideologisch in den Kram passt, muss man leben lernen. Man muss sich aber nicht immer wieder aufs Neue einreden lassen, es gäbe zwei Theorien, die keynesianische und die neoklassische, die als etwa gleichberechtigt akzeptiert werden müssten, weil sie die Welt zwar aus unterschiedlichen Blickwinkeln, aber sonst doch etwa gleich gut erklären könnten.

Wer entscheidende makroökonomische Zusammenhänge auch auf dem Arbeitsmarkt ignoriert, wer buchhalterische makroökonomische Zusammenhänge weitgehend ausblendet, wer die Unsicherheit, unter der Menschen handeln, bestreitet, wer den Markt von vorn herein bei allen Fragen als überlegenen Lösungsmechanismus ansieht, will die Welt nicht erklären. Er will der Welt eine ideologische Zwangsjacke anziehen, so dass die Machtstrukturen gefestigt werden und die Masse der Menschen unwissend gehalten wird.

Deswegen kann ich die Streitfrage ganz einfach beantworten: Nichts anderes taugt etwas, als der Versuch, logisch zu denken und vorurteilslos alle Aspekte des Lebens und Denkens einzubeziehen, um eine solche Krise zu lösen. Wer das Keynesianismus nennen will, liegt schon ganz richtig, selbst wenn es mit dem, was üblicherweise unter Keynes und keynesianischen Lösungen verstanden wird, nicht viel zu tun hat.

Berlin-Ausgabe vom Samstag, 27. April 2013, Seite 22

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