Eine nichtkapitalistische Wirtschaftsordnung

Peter Sutter: Zeit für eine andere Welt – Warum der Kapitalismus keine Zukunft hatBooks on Demand Verlag, physician Norderstedt, generic 2011. 278 S.

Abschnitt 19 – Eine andere Welt ist möglich, S. 261-273

Wer sich für die Überwindung des Kapitalismus und für den Aufbau einer neuen, anderen Welt engagieren will, muss sich diese neue Welt zunächst einmal vorstellen können. Die vorbehaltlosen Befürworter des kapitalistischen Wirtschaftssystems haben ja die allgemein verinnerlichte Lüge in die Welt gesetzt, eine nichtkapitalistische Wirtschaftsordnung sei gar nicht vorstellbar, daher logischerweise auch nicht umsetzbar. Dabei wäre es wohl gar nicht allzu schwierig, sich eine solche Welt vorzustellen. Ganz im Gegenteil, sie ergibt sich fast von selber aus dem simplen Anspruch auf die Verwirklichung der Lebensbedürfnisse aller jetzt schon und auch zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Planeten. Stellen wir uns eine solche neue Welt vor, dann erscheint nicht diese, sondern, ganz im Gegenteil, der Kapitalismus – im Vergleich zu ihr – als das eigentlich Verrückte, Absurde und, aus der Sicht späterer Generationen, Unvorstellbare

Sozial-, Global- und Zukunftsverträglichkeit als Grundprinzipien einer neuen Wirtschaftsordnung

Wo, aus welchen Rohstoffen und zu was für einem Zweck Waren auch produziert und transportiert werden, alle Wirtschaft und aller Handel der nachkapitalistischen Zukunft sind drei Grundprinzipien unterworfen: der Sozialverträglichkeit, der Globalverträglichkeit und der Zukunftsverträglichkeit.

Sozialverträglichkeit bedeutet, dass jegliches wirtschaftliches Planen und Handeln den Bedürfnissen der Menschen dienen muss und nicht dazu, Macht und Besitztum Einzelner auf Kosten anderer anzuhäufen.

Globalverträglichkeit bedeutet, dass ein jedes Produkt, das an einem bestimmten Punkt der Erde für eine bestimmte Gruppe von Menschen hergestellt wird, ebenso an beliebig vielen weiteren Punkten der Erde für beliebig viele weitere Gruppen von Menschen hergestellt werden könnte, ohne dass dadurch für irgendwen ein Schaden entstehen würde, die Produktionskosten nicht mehr gedeckt werden könnten, die notwendige Arbeitsleistung nicht vorhanden wäre oder der gebrauchte Rohstoff bzw. die benötigte Landfläche übernutzt würden.

Zukunftsverträglichkeit bedeutet, dass dieses Produkt für sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner der Erde nicht nur hier und jetzt, sondern auch während eines beliebig langen zukünftigen Zeitraums hergestellt werden könnte, ohne dass die Lebensgrundlagen und der Vorrat an natürlichen Ressourcen dadurch bedroht oder eingeschränkt würden.

Dies, zusammengefasst, bedeutet: Jegliches wirtschaftliches Planen und Handeln erfolgt im Rahmen eines «betriebswirtschaftlichen» Denkens, in dem der Betrieb nicht mehr – wie im Kapitalismus – eine einzelne, nach aussen abgegrenzte, eingezäunte, ummauerte Produktionsstätte ist, sondern die Erde als Ganzes.

Dreikreisewirtschaft; lokale und regionale Selbstversorgung als oberstes Primat; keine Luxusbedürfnisse ohne Sicherung weltweiter Grundversorgung

Hatten sich Wirtschaftsbeziehungen und Wirtschaftsabläufe im Zeitalter des Kapitalismus mehr und mehr über den gesamten Globus auseinandergedehnt bis hin zu dem Punkt, da sich die Menschen im mittleren Afrika von Tomaten ernährten, welche in Süditalien geerntet worden waren, während die Menschen in Europa Früchte und Gemüse assen, welche auf afrikanischen Plantagen gewachsen waren, orientieren sich nun, im Zeitalter eines neuen Gleichgewichts zwischen Mensch, Erde und Natur, sämtliche Wirtschaftsbeziehungen und Wirtschaftsabläufe an einer möglichst engen Bindung zwischen den Menschen und der natürlichen Umgebung, in der sie leben.

Nennen wir es die Dreikreisewirtschaft. Oberstes Primat – unter steter Berücksichtigung von Sozial-, Global- und Zukunftsverträglichkeit – haben lokale und regionale Selbstversorgung. Wo immer möglich, ist alles darauf auszurichten, dass die Bereitstellung der elementaren Güter für das tägliche Überleben – Wasser, Nahrung, Kleidung, Behausung, lebenswichtige Gebrauchsgegenstände, Instrumente, Werkzeuge, medizinische Grundversorgung, Rohstoffe und Energie für die Produktion aller nicht durch Menschenkraft herstellbarer Güter – innerhalb des unmittelbaren Lebensraums der dort ansässigen Bevölkerung erfolgen kann. Wo immer es zwei verschieden lange Wege gibt zwischen dem einem Ort, wo Bedürfnisse vorhanden sind, und dem anderen, wo die Mittel zur Erfüllung dieser Bedürfnisse vorhanden sind oder hergestellt werden können, ist der kürzere Weg zu bevorzugen. Wo viel Holz wächst, leben die Menschen in Holzhäusern und heizen diese Häuser mit Holz. Wo starke Winde wehen, bauen sie Windräder. Wo die Sonne am längsten und heissesten scheint, wird Sonnenwärme in elektrischen Strom verwandelt. Wo Hirse wächst, ernähren sich die Menschen von Hirse. Wo Kartoffeln wachsen, isst man Kartoffeln. Dies alles ist der innere, der erste Kreis von Wirtschaftsbeziehungen und Wirtschaftsabläufen.

Wie nun aber Wind, Wasser, Bodenschätze, die Fruchtbarkeit der Erde, Temperaturen, Klima und Sonnenschein von Region zu Region ebenso unterschiedlich verteilt sind wie die Talente, Begabungen und Kräfte der einzelnen Menschen, so geht es, in einem zweiten Kreis von Wirtschaftsbeziehungen und Wirtschaftsabläufen, darum, all das, von dem in der einen Region zu wenig und dafür in einer anderen im Überfluss vorhanden ist, gegenseitig auszutauschen, und zwar bis ganz genau zu jenem Punkt hin, da ein weltweites Gleichgewicht in der Grundversorgung der gesamten Erdbevölkerung erreicht ist.

Erst jetzt, da die weltweite Grundversorgung aller Menschen gesichert ist, öffnet sich ein dritter Kreis von Wirtschaftsbeziehungen und Wirtschaftsabläufen. In ihm bewegt sich das, was man als «Luxusgüter» bezeichnen könnte, Waren und Gebrauchsgegenstände – wie Fahrräder, Waschmaschinen oder Fernsehapparate –, die nicht zur unmittelbaren Abdeckung der Grundversorgung lebensnotwendig sind, aber dazu dienen, das Leben angenehmer und vielseitiger zu gestalten. Wiederum stösst auch dieser dritte Kreis von Wirtschaftsabläufen und Wirtschaftsbeziehungen dort an seine natürliche Grenze, wo er in Widerspruch gerät zur Sozial-, Global- und Zukunftsverträglichkeit. Diese nie zu verletzende Grenze bestimmt, ob es zum Beispiel möglich ist, weltweit jedem Menschen ein Fahrrad zur Verfügung zu stellen, wie gross pro Kopf der Weltbevölkerung jene individuelle Wohnfläche sein darf, die über das rein existenzielle Minimum hinausgeht, oder wie viele Reisen zum reinen Vergnügen über wie grosse Distanzen und mit welchen Transportmitteln pro Kopf der Weltbevölkerung möglich sind.

Geld als Tauschmittel, nicht als Machtmittel

Geld gibt es auch noch in der nachkapitalistischen Zeit. Aber es hat nicht mehr diese zentrale Eigenbedeutung wie im Kapitalismus, ist nicht mehr Selbstzweck, sondern bloss Mittel zum Zweck. Dieser Zweck ist die bestmögliche weltweite Grundversorgung, das bestmögliche Wohlbefinden aller Menschen auf diesem Planeten, unabhängig von der Zeit und dem Ort, wo sie geboren wurden.

Geld hat keine eigene Macht. Geld trägt keine Zinsen. Geld kann nicht aufbewahrt werden, um von selber zu wachsen. Geld gibt nicht dem, der es besitzt, eine grössere Macht als dem, der es nicht besitzt. Geld ist ein reines Tauschmittel mit einem globalen Äquivalent, in dem nirgendwo auch nur der Ansatz einer möglichen Unter- oder Überbewertung des einen oder anderen Produkts, der einen oder anderen Dienstleistung, der einen oder anderen Arbeit verborgen liegt.

In den Geschichtsbüchern der nachkapitalistischen Zeit wird die Tatsache, dass es dereinst eine Zeit gegeben hatte, in der sich Geld, das nicht zum Leben gebraucht wurde, in den Händen seiner Besitzer von «selber» immer schneller vermehrte, zweifellos als die grösste und verhängnisvollste Irrlehre in der Geschichte der Menschheit beschrieben sein, vergleichbar einer Religion, deren Gründer irgendeines fernen, unsichtbaren Tages einen Gott erfunden hatten, worauf aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen auch tausend Jahre später noch niemand auf die Idee gekommen wäre, die Frage aufzuwerfen, ob es diesen Gott überhaupt jemals gegeben hatte. Eine Irrlehre, die nicht nur dazu führte, dass eine immer grössere Mehrheit der Erdbevölkerung im Laufe der Geschichte zu Sklaven einer immer kleineren Minderheit geworden waren, sondern auch dazu, dass ganze Völker gegeneinander in den Krieg gezogen waren und die Schätze der Erde und der Natur in so extremem Ausmass ausgebeutet worden waren, dass sich dadurch die gesamte Menschheit um ein Haar ihr eigenes Grab geschaufelt hätte.

Nicht Staaten, sondern Regionen; nicht Machtkonzentration, sondern Machtverteilung; jeder Punkt der Erdoberfläche ist die Mitte der Welt

Zwar hatten auch in der Endphase des Kapitalismus alle davon geredet, der Nationalstaat gehöre endgültig der Vergangenheit an, sämtliche Grenzen würden sich nach und nach auflösen und es entstünde ein einziger, weltweiter, «staatenloser», globalisierter, «offener» Wirtschaftsraum, in dem die «staatliche» Herkunft der einzelnen Menschen ebenso wenig eine Rolle spielen würde wie die «staatliche» Herkunft von Waren, Arbeit und Geld

Doch das war, bei Lichte besehen, eine immense Lüge. Denn wo immer sich der Kapitalismus ausbreitete, breiteten sich mit ihm zusammen Machtansprüche Einzelner gegenüber anderen aus, Konkurrenzkampf, Wettstreit um vorhandene Güter, Ausbeutung und soziale Ungleichheit. Kaum hatte man an der einen Stelle Grenzen aufgelöst, waren dafür schon an unzähligen anderen Stellen neue, meist noch viel schärfer trennende Grenzen entstanden. Das konnte, so lange der Kapitalismus die Welt beherrschte, gar nicht anders sein, wie, besonders drastisch, auch das Beispiel der «Europäischen Union» zeigte: Je mehr die Grenzen zwischen den früheren europäischen Nationalstaaten abgebaut wurden, umso eifriger baute man – um all jene Menschen fernzuhalten, die in diesem neuen Wirtschaftsraum unerwünscht waren – rund um Europa eine neue Grenze, höher, weniger durchlässig, strenger kontrolliert und schärfer bewacht, als es irgendeine der Grenzen zwischen den früheren europäischen Nationalstaaten je zuvor gewesen war.

Erst die nachkapitalistische Zeit weltweit gesicherter Grundversorgung und weltweiten sozialen Ausgleichs bedeutet das Ende all jener unzähligen Grenzen, Stacheldrähte, Minenfelder und Todesmauern, welche Menschen und Völker über Jahrhunderte voneinander trennten. Auf einer Erde, wo sich an allen beliebigen Orten gleich gut leben lässt, gibt es keinen Anlass mehr, Territorien gegenseitig abzugrenzen und vom Zutritt «fremder», «unerwünschter» Menschen zu schützen. Nun gehören Nationalstaaten, deren Legitimation bloss darin besteht, etwas anderes, Besseres, Wichtigeres oder Schützenswerteres zu sein als der Rest der Welt, endgültig der Vergangenheit an.

Wo – zu kapitalistischen Zeiten – Machtballung am einen und Machtvakuum am anderen Ort die Regel war, zeichnet sich die nachkapitalistische Weltordnung durch eine flächendeckende Verteilung von «Macht» über die gesamte Erdoberfläche aus. Es gibt keine Lichtpunkte und keine Schattenpunkte, keine Magneten, welche – wie die kapitalistische Stadt – die Menschen anziehen, und keine schwarzen Löcher, welche – wie die kapitalistischen Randgebiete an den untersten Rändern der weltweiten Machtpyramide – die Menschen ausspucken und fortjagen. Es gibt keine Erste Welt, keine Zweite und keine Dritte Welt, sondern nur eine einzige Welt. Jeder Punkt der Erdoberfläche ist die Mitte der Welt, jedes Tal, jeder Hügel, jedes Gehöft, jeder noch so winzige Ort, wo Menschen miteinander leben und arbeiten, hat die gleiche Wichtigkeit und ist sowohl der kleinste Teil des Ganzen wie auch das Ganze zugleich.

Krieg gehört der Vergangenheit an

Wo alle alles haben, wo alles unter alle gerecht verteilt ist, wo keine gestohlenen Reichtümer mehr geschützt werden müssen vor dem Zugriff jener, denen sie geraubt wurden, gibt es keinen Anlass mehr für Krieg. Alle Armeen sind aufgelöst, alle Soldaten nach Hause geschickt, alle Waffen in ihre Einzelteile zerlegt und einer neuen, besseren Verwendung zugeführt.

Man stelle sich vor, was für eine immense Steigerung des allgemeinen Wohlstands und Lebensstandards dies bedeutet. Millionen von Tonnen Stahl, die sinnlos für die Herstellung von Geräten zur Tötung von Menschen und zur Zerstörung von Wasser, Luft und Erde verschwendet worden waren, sind jetzt Teil von sinnvollen Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens und Arbeitens. Alles Erdöl, welches für den Antrieb von Panzern, U-Booten, Bombern und Flugzeugträgern vergeudet wurde, treibt jetzt Traktoren, Lastwagen und öffentliche Verkehrsmittel an. All jene Millionen von Männern und Frauen, die damit beschäftigt waren, all diese todbringenden Geräte und Maschinen zu erfinden und zu bauen, arbeiten jetzt in den produktiven, auf die Erfüllung der Grundversorgung und auf das Gemeinwohl ausgerichteten Sektoren von Landwirtschaft und Industrie, Seite an Seite mit all jenen zahllosen Männern und Frauen, die – im Zeitalter von Raffgier, Raubbau und kapitalistischer Welteroberung – zu nichts Gescheiterem ausgebildet worden waren als dazu, sich in möglichst grosser Zahl, möglichst schnell und möglichst effizient gegenseitig umzubringen.

Es ist im Grunde ganz einfach: Im Gegensatz zum Krieg muss der Frieden nicht erst erfunden oder künstlich geplant werden, er geschieht ganz von selber überall dort, wo man das Leben zulässt, aus der innersten Sehnsucht der Menschen, aus der Musik, aus Feiern, Tanz und Ausgelassenheit, aus dem Spiel der Kinder, aus dem Lachen, aus jedem guten Gespräch, aus jedem gegenseitigen Gefühl von Wertschätzung, Zuneigung und Dankbarkeit. Oder gab es jemals in der Geschichte einen Krieg, der nicht von den «Oberen», den Mächtigeren, den auf irgendeiner Machtpyramide Höhergestellten den «Unteren», den weniger Mächtigen, den ihnen Ausgelieferten aufgezwungen wurde? Und war es nicht immer, in der ganzen früheren Geschichte der Menschheit, so, dass ausgerechnet die, welche den Krieg am wenigsten gewollt hätten, schliesslich am aller meisten darunter zu leiden hatten?

Gleichmässige Verteilung der Arbeit auf alle; Gleichwertigkeit sämtlicher Arbeit; Recht auf Arbeit und Pflicht zu Arbeit; gleicher Lohn für alle

Wie alles im Zeitalter globaler Gerechtigkeit, so ist auch die Arbeit gleichmässig auf alle Menschen verteilt. Es gibt keinen einzigen vernünftigen Grund dafür, einzelne Menschen härter und länger arbeiten zu lassen als andere. Und es gibt ebenfalls keinen einzigen vernünftigen Grund dafür, einzelne Menschen überhaupt nicht arbeiten zu lassen. Ein jeder Mensch hat, entsprechend seinen individuellen Voraussetzungen, nicht nur das Recht auf Arbeit, sondern zugleich auch die Pflicht dazu.

In der nachkapitalistischen Zeit der Gerechtigkeit ist es zudem eine allen bekannte und von niemandem ernsthaft in Frage gestellte Binsenweisheit, dass es keine «wertvolleren» und «weniger wertvollen», keine «wichtigen» oder «unwichtigen» beruflichen Tätigkeiten gibt, braucht es doch, damit das gemeinsame Überleben gesichert ist, gleichermassen sämtliche von Einzelnen oder Gruppen verrichteten Tätigkeiten. Sollte eine Arbeit im öffentlichen Bewusstsein als «unwichtig» oder «überflüssig» betrachtet werden, dann kann man sie ebenso gut abschaffen bzw. von Menschen, die in ihrer Freizeit freiwillig zusätzliche, nicht bezahlte Arbeit leisten möchten, verrichten lassen.

In der nachkapitalistischen Zeit der Gerechtigkeit arbeiten der Architekt und der Maurer, die Ärztin und der Krankenpfleger, die Modedesignerin und der Textilarbeiter Seite an Seite, Hand in Hand, auf gleicher Augenhöhe, alle von allen lernend, alle einander unterstützend, alle sich bezüglich ihrer spezifischen Begabungen und Fertigkeiten gegenseitig achtend. Es gibt, im Bereich von Arbeit und beruflichen Tätigkeiten, keine «Höhergestellten» und keine «Niedrigergestellten», keine Chefs und keine Untergebenen, keine Befehlshaber und keine Befehlsempfänger, keine Ausbeuter und keine Sklavinnen. Niemand schaut zu einem anderen hinauf und niemand schaut auf einen anderen hinab. Und es gibt daher, logischerweise, auch keine «höheren» Arbeitslöhne und keine «tieferen» Arbeitslöhne. Pro Zeiteinheit, in der ein Mensch gemäss der ihm zur Verfügung stehenden Kräfte in der beruflichen Tätigkeit, die er verrichtet, sein Bestes gibt, erhält er genau den gleichen Lohn wie alle anderen.

Einheitliches soziales Sicherheitssystem

Unzählige Komplikationen, die den Menschen im Kapitalismus soviel Kopfzerbrechen bereiteten und so viel Zeit und Energie verschlangen, die man für viel Besseres hätte brauchen können, sind in der nachkapitalistischen Zeit der sozialen Gerechtigkeit hinfällig geworden. Steuerhinterziehung, ungerechte Steuerbelastungen, unterschiedliche Steueransätze je nach Einkommens- und Vermögensarten: alles hinfällig, denn wo alle gleich viel verdienen, zahlen auch alle gleich hohe Steuern. Arbeitslosenkasse, Arbeitslosenversicherung, Sozialfürsorge, Invalidenversicherung: alles unnötig und überflüssig, wenn die vorhandene Arbeit gleichmässig auf alle verteilt ist, alle – entsprechend ihren individuellen Voraussetzungen – gleich viel verdienen und es gar keine «erwerbslosen» Menschen mehr gibt. Pensionskassen, erste und zweite und dritte Säule der Altersvorsorge: alles kein Thema, da wiederum als logische Fortsetzung des Einheitslohns auch im Alter allen Menschen eine gleich hohe finanzielle Unterstützung ihrer Lebenskosten zusteht. Krankenkassen, nicht bezahlbare Prämien und Krankheitskosten, Sicherung der medizinischen Grundversorgung, Gefahr von «Zweiklassenmedizin»: alles Themen, die für immer der Vergangenheit angehören, wenn, wie dies in der nachkapitalistischen Zeit die Regel ist, sämtliche Dienste der Grundversorgung – von der Zurverfügungstellung der Grundnahrungsmittel über die Energieversorgung, Wohnungsmiete, medizinische Grundversorgung bis zum öffentlichen Verkehr – über Steuergelder finanziert werden und daher allen «kostenlos» zur Verfügung stehen.

Forschung und Wissenschaften im Dienste aller Bewohnerinnen und Bewohner der Erde

Auch Forschung und Wissenschaften stehen ganz und gar im Dienste der Menschen und nicht mehr im Dienste sich gegenseitig rivalisierender Mächte. Wissen und Ideen werden nicht mehr geraubt oder mit Gewalt vor dem Zu-griff anderer geschützt. Nirgends gibt es zwei sich konkurrenzierende Firmen oder Institutionen, die am selben Forschungsziel arbeiten, sich dabei einen gegenseitigen Wettlauf liefern und dadurch insgesamt so viel Geld und Ressourcen verbrauchen, dass sich am Ende ausgerechnet jene, die das aus diesem Forschungsziel hervorgegangene Produkt am dringendsten bräuchten, gar nicht leisten können. Wo immer weltweit ein technisches, soziales oder medizinisches Problem auftritt, setzen sich weltweit die besten Expertinnen und Experten des betreffenden Fachgebiets an den gleichen Tisch und suchen miteinander die beste Lösung für das vorhandene Problem. Alles weltweit vorhandene Wissen steht allen Bewohnerinnen und Bewohnern der Erde gleichberechtigt zur Verfügung. Wer etwas Neues, Wichtiges herausgefunden hat, behält es nicht für sich, sondern stellt es allen, die davon einen Nutzen haben können, zur Verfügung. Alles wird mit allen geteilt. Die Zeiten der Ranglisten – welches Land hat das höchste Bruttosozialprodukt, welches Land hat das beste Bildungssystem, welches Land hat die stärkste Armee, welches Land hat am meisten Akademiker – ist endgültig vorbei. Das Ziel ist nicht mehr, der Grösste, Schnellste und Beste zu sein. Das Ziel ist es, all das, worin irgendwer «grösser», «schneller» oder «besser» ist als ein anderer, diesem anderen nutzbar zu machen, ihn daran teilhaben zu lassen. War das Leben von der Geburt bis zum Tod zu kapitalistischen Zeiten ein einziger Wettlauf, aus dem immer wieder, Generation um Generation, Land um Land, die einen als Sieger und die anderen als Verlierer hervorgingen, so gleicht das Leben jetzt, in der Zeit nach dem Kapitalismus, einer gemeinsamen Wanderung aller auf ein gemeinsames Ziel hin, bei der stets ein Stärkerer einen Schwächeren in dem Masse unterstützt, dass am Ende alle zur gleichen Zeit das gemeinsame Ziel erreichen und niemand auf der Strecke bleibt.

Die Überwindung aller Monopolreligionen

Nicht nur Wissenschaften und Forschung, Lernen und Arbeit, Wirtschaft und Handel sind ganz und gar den Lebensbedürfnissen der Menschen untergeordnet. Auch das kulturelle Erbe der Völker, ihre unterschiedlichen Lebensweisen, Denkvorstellungen und Religionen dienen nicht mehr dazu, sich gegenseitig abzugrenzen und sich gegenüber anderen als etwas «Höheres» oder «Besseres» zu fühlen. Nicht mehr das die verschiedenen Denkweisen und Religionen Unterscheidende steht im Vordergrund, sondern das sie miteinander Verbindende. Waren Religionen zu nationalistischen und kapitalistischen Zeiten immer wieder dazu missbraucht worden, Feindbilder zu schüren und ganze Völker gegenseitig in den Krieg zu treiben, so dienen sie jetzt dazu, zwischen den Völkern Brücken zu schlagen, indem sich die innersten Weisheiten einer jeden Religion miteinander immer mehr zu einem grossen gemeinsamen Erfahrungsschatz verbinden, der die Menschen und Völker der ganzen Erde erkennen lässt, dass jede Religion nur eine «Teilwahrheit» beinhaltet und sich der gesamten Wahrheit nur dadurch näher kommen lässt, wenn sich alle diese «Teilwahrheiten» zu einem grösseren Ganzen verbinden.

Nichts war falsch, nur alles noch ein bisschen zu früh

Die grösste Hoffnung, dass der Beginn dieses neuen, nachkapitalistischen Zeitalters nicht reines Wunschdenken bleiben muss, sondern schon bald Wirklichkeit werden kann, geben uns die Kinder und Jugendlichen, die hier und heute unter uns leben und sich immer lauter und drängender zu Wort melden.

Die rebellische Jugend im Europa der Sechzigerjahre. Jugendliche Greenpeace-Aktivistinnen, die im Kampf für die Erhaltung bedrohter Tierarten ihr Leben aufs Spiel setzen. Jugendliche auf den Strassen Italiens, Spaniens, Griechenlands und Frankreichs, die immer lauter und in immer grösserer Zahl gegen eine in sich selbst verliebte Politikerkaste zu Felde ziehen. Die neue «Facebook-Generation», auf deren Welle Barack Obama an die Macht getragen wurde. Jugendliche aus Israel und den Palästinensergebieten, die sich durch die von ihren Eltern gebauten Stacheldrahtzäune hinweg die Hände reichen. Eine wachsende Zahl junger Japanerinnen und Südkoreaner, die sich dem immer gnadenloseren Konkurrenzkampf um die kapitalistischen Arbeitsplätze mehr und mehr verweigern. Von Jugendlichen ausgelöste und angeführte Massenproteste gegen Unterdrückung, soziale Ungleichheit und diktatorische Regierungen von Tunesien über Ägypten bis nach Jordanien und Jemen.

Es ist der Kampf des Lebens gegen die Normen. Ein immer rasenderes Suchen nach etwas, ohne es noch gefunden zu haben. Das tiefe Spüren, dass diese Welt, so kalt, so materialistisch, so ungerecht, nicht jene Welt sein kann, von der sie im Augenblick ihrer Geburt einmal geträumt hatten. Wie eine Raupe, die zum Schmetterling wird. Wie eine Zwiebel, die sich häutet. Mitten in der alten Zeit entsteht eine neue Zeit. Diese kindliche Unruhe, diese jugendliche Unrast, all die so genannte «Disziplinlosigkeit», alles Neinsagen, aller Ungehorsam – sie sind Geschenke des Himmels. Blind geschlagen von einem halben Jahrtausend Kapitalismus, sind es erst wenige der «Alten», «Erwachsenen», denen die Augen aufgegangen sind. Aber es werden jeden Tag mehr. Und dann dreht sich alles um. Denn was bekämpft wurde, wird zur einzigen Hoffnung auf das Neue, für alle zusammen, für die, die dafür durchs Feuer gingen, ebenso wie für die, welche alles daran setzten, dieses Feuer zu löschen. Die Raupe muss zum Schmetterling werden, ob sie will oder nicht. Die äusseren Hüllen müssen fallen, ob sie wollen oder nicht. Summerhill, die antiautoritäre Erziehung, die «Achtundsechzigerbewegung», die Blumenmädchen, der Pazifismus, die Ostermärsche – nichts davon war falsch, es war bloss alles noch ein bisschen zu früh, die ersten kleinen Vorboten des Frühlings mitten im Winter, bevor noch einmal die Kälte, der Schnee und die Eisstürme mit voller Gewalt alles Leben unter sich zu begraben versuchten. Aber der Frühling folgt auf den Winter wie der Schmetterling auf die Raupe, unaufhaltsam. Die winzigen Pflänzchen waren nicht tot, sie hatten sich bloss unter der Erdoberfläche, unter dem Schnee und dem Eis, aneinander gekauert und sich gegenseitig warm gegeben und waren dabei nur noch viel, viel stärker geworden. Wenn sie wieder an die Oberfläche kommen, wird die Welt, die sie erblicken werden, in nichts mehr die gleiche sein, die sie eben noch war.

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