Evolutionstheorie auf Islamisch

Schon im 9. Jahrhundert schrieb der muslimische Denker Al-Dschahiz über Anpassung im Tierreich. Doch die türkische Regierung will von Evolution nichts wissen.

Von Fabian Köhler

Als »archaische Theorie«, die kaum belegt sei, hatte sie der türkische Vize-Ministerpräsident schon Anfang des Jahres bezeichnet. Im Juli nun machte das türkische Bildungsministerium ernst und kündigte an, Darwins Evolutionstheorie aus den Lehrplänen des Landes zu entfernen. Sie sei »zu fragwürdig, zu kontrovers und zu kompliziert für Schüler«, begründete ein Behördenvertreter die Entscheidung. Statt des bisherigen »eurozentrischen Unterrichts« sollten türkische Schüler ab 2019 mehr über die »Lehren muslimischer und türkischer Wissenschaftler« des Mittelalters erfahren, kündigte das Ministerium an und schien damit die Sorge Vieler vor einer zunehmend religiösen Ausrichtung des türkischen Bildungssystems zu bestätigen.

Wollen türkische Politiker wirklich die tausendfach belegte Lehre Darwins von der Entstehung der Arten als unbewiesene Spinnerei Europas abtun und ihr vermeintlich gottgefällige Lehren islamischer Wissenschaftler entgegensetzen? Wenn ja, kann dies nur eines bedeuten: Viele türkische Beamte und Politiker haben selbst nicht gut in der Schule aufgepasst. Denn islamische Denker des Mittelalters kamen Darwins Lehren von der Entstehung der Arten sehr viel näher, als den Mächtigen in Ankara lieb ist.

Schon im 9. Jahrhundert und damit rund 1000 Jahre bevor Charles Darwin mit seinem »On the Origin of Species« Wissenschaftsgeschichte schrieb, stellte der arabisch-afrikanische Theologe und Lexikograph Al-Dschahiz in einer siebenbändigen Enzyklopädie eine Systematik von 350 verschiedenen Tierarten auf. In seinem »Kitab al-Hayawan« (Buch der Tiere) umriss Al-Dschahiz nicht nur als einer der Ersten das Prinzip tierischer Nahrungsketten. Was Darwin beim Anblick von Schildkröten und Finken erkannte, fiel Al-Dschahiz bei der Beobachtung von Tauben, Hunden und Füchsen auf: Vertreter derselben Tierart, die an unterschiedlichen Orten leben, weisen oft große Unterschiede in ihrer äußeren Gestalt auf. Al-Dschahiz war überzeugt, das Leben befinde sich in einem ständigen Entwicklungsprozess. Die Mechanismen dieser »Evolution« benannte schon er als Anpassung an die natürliche Umwelt und Kampf ums Überleben.

Wie viele seiner Zeitgenossen hatte Al-Dschahiz kein Problem damit, seine Naturbeobachtungen mit seinen theologischen Überzeugungen in Einklang zu bringen. Die Zeit, in der er lebte, sollte später »Blütezeit des Islam« oder »Goldenes Zeitalter des Islam« genannt werden. Während sich das intellektuelle Europa im 9. bis 13. Jahrhundert in theologischen Spitzfindigkeiten übte, florierten im Islam Wissenschaft und Philosophie. Die Wissenschaftshochburgen jener Zeit hießen Tunis, Kairo, Bagdad, Basra.

Nicht zu vergessen Ghazni. In der Stadt im heutigen Afghanistan sorgte rund 100 Jahre nach Al-Dschahiz der persische Universalgelehrte Al-Biruni in vielerlei Hinsicht für Aufsehen: Als Mathematiker berechnete er den Erdumfang auf 40 Kilometer genau. Als Astronom stellte er das damals gängige geozentrische Weltbild infrage. Und als Gesteinsforscher kam er zu Erkenntnissen, die für spätere Auffassungen von Evolution maßgeblich sein sollten. Aus Untersuchung von Gesteinen und Fossilien schloss Al-Biruni, dass die Entwicklung des Lebens schon lange vor dem Menschen eingesetzt haben und so langsam abgelaufen sein müsse, dass der Mensch diese nicht ohne Weiteres beobachten könne.

Wie viele andere Gelehrte des »Goldenen Zeitalters des Islam« richtete sich Al-Biruni damit gegen die Vorstellung eines abgeschlossenen, zeitlich begrenzten Schöpfungsaktes. Dieser Vorstellung stellte er ein Konzept entgegen, dem schon Denker der Antike anhingen: die kontinuierliche Entwicklung des Lebens. Das mag aus heutiger Sicht banal klingen. Aber zur Erinnerung: Die maßgebliche Lehre über die Entstehung des Lebens im Europa jener Zeit war im biblischen Buch Genesis niedergeschrieben, wonach die Erde vor wenigen tausend Jahren innerhalb von sechs Tagen erschaffen wurde. Darüber hinaus sei die Vielfalt des Lebens allenfalls durch den Platz auf Noahs Arche determiniert.

Eine These, mit der sich auch heutige Fromme – gleich ob christlich oder muslimisch – am wenigsten anfreunden können, stellte im 13. Jahrhundert ein persischer Philosoph auf: die Verwandtschaft zwischen Mensch und Affen. In seinem Werk »Akhlaq-i Nasiri« (Arbeit über die Ethik) ergründet Nasir al-Din al-Tusi die moralische, wirtschaftliche und politische Dimension des Menschen.

In Anlehnung an die antike Vorstellung von einer stufenartigen Rangordnung des Lebens, ging auch al-Tusi von einer kontinuierlichen Entwicklung des Lebens aus: von den kleinsten Bausteinen der Welt bis hin zur spirituellen Perfektion des Menschen. Einen Teil dieser Entwicklung beschreibt er folgendermaßen: »Solche Menschen (gemeint sind Menschenaffen) leben im westlichen Sudan und anderen entfernen Ecken der Welt. Sie sind in ihren Gewohnheiten, Handlungen und Verhalten den Tieren ähnlich. … Der Mensch hat Eigenschaften, die ihn von anderen Kreaturen unterscheiden, aber er hat andere Eigenschaften, die ihn mit der Tierwelt, dem Reich der Pflanzen oder gar mit unbelebten Körpern vereinen. … All diese Fakten belegen, dass das menschliche Wesen auf die mittlere Stufe der Entwicklung gesetzt wurde. Seiner ihm innewohnenden Natur zufolge, ist der Mensch verbunden mit niederen Wesen und nur mit der Hilfe seines Willens kann er eine höhere Entwicklungsstufe erreichen.«

Wiederum rund 100 Jahre später erblickte ein Mann die Welt, der bis heute als Inbegriff islamischer Gelehrsamkeit gilt: Ibn Khaldun. Der nordafrikanische Philosoph wird mal als Erfinder der Soziologie, der Politikwissenschaft oder Geschichtswissenschaft bezeichnet und fehlt mutmaßlich auch auf keinem türkischen Lehrplan.

Auch Ibn Khaldun war überzeugt, dass sich der Mensch »aus der Welt der Affen« entwickelt habe. In seinem 1377 fertiggestellten Hauptwerk »Muqaddimah« (Einleitung) ordnet er die menschliche Existenz in eine kontinuierliche Entwicklung des Lebens ein: »Sodann sieh Dir die Schöpfung an. Wie es beginnt bei den Mineralien und wie es übergeht zu den Pflanzen und dann in schönster Weise und stufenweise zu den Tieren. … Dattelpalme und Weinrebe, welche das Ende der Pflanzenwelt markieren, sind verbunden mit Schnecken und Schaltieren auf der ersten Stufe der Tierwelt, die nur den Tastsinn haben. … So breitete sich die Tierwelt aus, die Zahl der Tierarten nahm zu, und der stufenweise Prozess der Schöpfung führte schließlich zum Menschen, der zu denken und zu reflektieren vermag.«

Auch Europa blieben die Lehren islamischer Denker nicht verborgen. Als »großartigstes Werk seiner Art, das je ein Geist zu irgendeiner Zeit und an irgendeinem Ort geschaffen hat«, bezeichnete einmal der britische Historiker Arnold J. Toynbee Ibn Khalduns »Muqaddimah«, das als eine Art Gründungsmanifest der modernen Soziologie gilt. Und auch Ibn Khalduns Lehren über die Entstehung des Lebens nahmen Einfluss auf europäische Denker. Von einer »Mohammedanischen Theorie der Evolution«, nach der sich »der Mensch von niederen Formen … zu seinem heutigen Zustand im langen Zeitverlauf« entwickelt habe, schrieb 1874 der britische Naturwissenschaftler John William Draper in seinem Werk »History of the Conflict Between Religion and Science«.

Hatten also in Wahrheit Muslime schon lange vor Darwin die Evolutionstheorie erfunden? Nein. Es wäre irreführend, die bahnbrechende Arbeit Darwins »On the Origin of Species«, die gemeinsam mit der Gregor Mendel fußenden Genetik bis heute unsere Vorstellung von der Entwicklung des Lebens prägt, mit den eher spekulativen Evolutionslehren islamischer Denker des Mittelalters gleichzusetzen. Darwins Verdienst war es gerade, dass er mit einem jahrhundertealten Grundgedanken islamischer wie europäischer Evolutionstheoretiker brach: Von Aristoteles über Al-Dschahiz bis hin zu Jean-Baptiste de Lamarck waren diese von einer hierarchischen Entwicklung des Lebens ausgegangen. Dieser Stufenleiter stellte Darwin seinen weitverzweigten Baum des Lebens entgegen. Und an die Stelle einer aktiven Anpassung an die Umweltbedingungen traten bei Darwin mutationsbedingte Selektionsvorteile als Triebkraft der Artenentstehung.

Doch der Blick auf die Geschichte der Evolutionstheorien zeigt etwas anderes: Es gibt keine »europäische« und »christliche«, keine »türkische« oder »islamische« Wissenschaft. Ob in Philosophie, Medizin, Mathematik oder eben auch Biologie: Es waren islamische »Aufklärer« wie Ibn Khaldun und viele andere, die Europa aus seiner religiös-mittelalterlichen Beschränktheit hinein in die wissenschaftsfreundliche Neuzeit verhalfen. Zuvor hatten sich diese wiederum ausgiebig beim antiken Erbe Europas bedient.

Und noch ein Schicksal teilten die Denker dies- wie jenseits des Bosporus: Ihre Wissenschaft konnte stets nur in dem Maße florieren, wie die jeweiligen politischen und geistlichen Herrscher dies zuließen. Wenn heute wieder Politiker das gemeinsame wissenschaftliche Erbe leugnen, um ungeliebte wissenschaftliche Erkenntnisse zu stigmatisieren, stehen sie deshalb eher in der Tradition des religiös-bornierten Mittelalters Europas als des wissenschaftsfreundlichen Mittelalters der islamischen Welt. Das wissen zum Glück auch viele Türken: Als das Bildungsministerium Anfang des Jahres den neuen Lehrplan vorlegte, gingen innerhalb weniger Wochen über 180 000 Beschwerden ein. Eine Hauptforderung der Kritiker: die Rückkehr von Darwins Evolutionstheorie.

neues deutschland, Berlin. 29.07.2017, S. 25

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