Lernen und forschen für echte Demokratie

biwifoReport 02-2017 ver.di biwifoReport 02-2017

Gute Bildung und Wissenschaft sind essenziell, damit alle Macht vom Volk ausgehen kann.

Die Demokratie wurde vor 2500 Jahren in Griechenland entwickelt und bedeutet „Herrschaft des Staatsvolks“. Weil in einer pluralistischen Gesellschaft mit vielen Millionen Bürger*innen nicht jeder einzelne direkt mitreden kann, wird Politik heute vor allem von Parteien und Interessen verbänden gemacht. Allerdings fühlen sich immer mehr Menschen ab gekoppelt und nicht mehr repräsentiert. Viele möchten mehr, als alle vier Jahre einmal eine Stimme in eine Urne zu werfen. Das ist erfreulich – aber auch voraussetzungsvoll: Wer gute Politik machen will, sollte über entsprechendes Handwerkszeug verfügen. Deshalb muss sich Bildung darauf ausrichten, diese Fähigkeiten bei allen Bewoh ner*innen des Landes zu entwickeln.   VON KLAUS BÖHM

Wer politisch handelt, fühlt sich zuständig für Dinge, die über den privaten Bereich hinausgehen. In Demokratien geht es dabei um die gemeinsame Gestaltung des Gemeinwohls. Idealtypisch sollte zunächst ein Wettstreit der Argumente stattfinden, aus dem dann ein Kom promiss gezimmert wird, der die widerstreitenden Interessen möglichst gut ausbalanciert. Um hier Verantwortung übernehmen zu können, brauchen die Beteiligten nicht nur Wissen über eigene Rechte, bestehende Strukturen und den Ablauf von Entscheidungsprozessen. Auch die Fähigkeit, andere Interessen in die Überlegungen einzubeziehen und gemeinsam gute Lösungen zu finden, will gelernt sein.

 

Demokratische Bildung kann deshalb gar nicht früh genug anfangen. Schon die Kleinsten sollten in der Kita angeleitet werden, Verantwortung für die Gruppe zu übernehmen, sich für die eigenen Interessen einzusetzen und Kompromisse auszuhandeln. Nicht wer am lautesten schreit, setzt sich durch, sondern wer die beste Idee hat. Wie so etwas gehen kann, hat Schleswig-Holstein vor einigen Jahren in sieben Modellkitas ausprobiert und erforscht. Das Motto: „Kinderstube der Demo kratie.“.

In der Schule muss die Entwicklung sozialer Kompetenzen ebenfalls einen höheren Stellen
wert bekommen. Kinder und Jugendliche sollten außerdem lernen, nach welchen Regeln das ge sell schaftliche Zusammenleben funktioniert. Fachkenntnisse zum Thema Politik dürfen sich nicht auf Institutionen wie Parlament und Regie rung beschränken, sondern müssen eigene Ein fluss mög lichkeiten erweitern und auch Kennt nisse über die Verfasstheit der Arbeitswelt vermitteln: Welche Rechte haben Arbeitnehmer*innen, welche Interessen haben Arbeitgeber, was beeinflusst Arbeitsbedingungen? Die Einführung eines allgemein verbindlichen Fachs Wirtschaft und So zial politik ist nötig.

Weiter geht’s in der Hochschule. Heute haben viele Studierende keine Ahnung, was in einem Arbeitsvertrag steht oder welche Rolle Be triebs räte, Gewerkschaften und Arbeitbgeber verbände spielen – obwohl das Studium sie doch aufs Be rufsleben vorbereiten soll. Um diese Lücke zu schließen, entwickelte ver.di ein Modul „Arbeits beziehungen in Deutschland – Kompe tenzen für die Arbeitswelt“, das inzwischen in einige Hoch schulen und Studiengänge integriert ist, aber noch viel weiterer Verbreitung bedarf.

Selbstverständlich hört Demokratie zu lernen nie auf. Deshalb darf sich auch Weiterbildung nicht auf berufliche Fachkenntnisse beschränken, sondern muss auch gesellschaftliche Gestaltungs kompetenzen vermitteln. Dafür benötigen die Lernenden sowohl Sachinformationen als auch die Fähigkeiten, diese im demokratischen Streit einzusetzen.

Der Wissenschaft kommt ebenfalls eine zentrale Rolle bei der Vertiefung der Demokratie zu. Forschende müssen sich wehren, wenn Politi ker*in nen Fakten verbiegen oder erfinden, um ihre Position zu stärken. Darüber hinaus sollten sie ihre Ergebnisse allgemeinverständlich darstellen; nur so können sie den politischen Diskurs befruchten. Ihre Forschungsfragen sollten sie nicht daran ausrichten, wofür die Wirtschaft viel Geld auszugeben bereit ist, sondern an gesellschaftlicher Relevanz. Dazu gehören Themen wie Integration als zentrale Herausforderung für das Gemeinwesen, die Sicherung der Tragfähigkeit unserer Erde oder auch die Vertiefung der Demokratie zum Beispiel durch Bürgerräte – womit wir wieder beim Bildungsthema wären.

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