Soziologe Jean Ziegler kritisiert G-20-Gipfel: „Befehlsempfänger des Finanzkapitals“

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler wirft den G-20-Führern vor, das Geschäft von Großkonzernen und Oligarchen zu betreiben.

Von Jan Dirk Herbermann 05. Juli 2017 – 19:41 Uhr

Im Interview spricht er über die Hoffnung auf eine Veränderung durch die Vereinten Nationen.

Jean Ziegler gilt als einer der streitbarsten internationalen Globalisierungskritiker. Der Schweizer Soziologe attackierte als einer der Ersten die zwielichtigen Geschäfte der Banken in seinem Heimatland.

Stuttgart – Der Schweizer Jean Ziegler hat sich in vielen Schriften kritisch mit der Globalisierung auseinandergesetzt. Im Interview spricht er über Bücher als Waffe, seine Kritik an den westlichen Demokratien und die Hoffnung auf eine Veränderung durch die Vereinten Nationen.

Warum Hamburg? Weil Merkel es wollte

Herr Ziegler, Sie sind 82 Jahre, wie lange wollen Sie noch gegen den Kapitalismus kämpfen?
Ich werde den Kampf weiter führen. Ich gebe nicht auf. Die global agierenden Großunternehmen und Finanzoligarchen, also Banken, Spekulanten und Hedgefonds-Manager, wollen die Menschen glauben machen, sie seien ohnmächtig. Doch zusammen können wir eine bessere und fairere Welt bauen.

Sie haben rund ein Dutzend Bücher veröffentlicht, es scheint aber so, dass Sie wieder und wieder das gleiche Buch schreiben. Immer wettern Sie gegen die Kapitalisten, ob in „Die Schweiz wäscht weißer“ oder wie jetzt in Ihrem neuesten Werk „Der schmale Grat der Hoffnung“.
Die Bücher sind sehr wichtige Waffen im Kampf gegen die kannibalistische Weltordnung. Eine kleine Gruppe von Menschen rafft gigantische Reichtümer zusammen. Die 85 größten Milliardäre kontrollieren so viel Vermögen wie die 4,5 Milliarden der ärmsten Menschen. Gleichzeitig wachsen in der Dritten Welt die Leichenberge, alle fünf Sekunden stirbt dort ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder den Folgen des Hungers.

Sie verdienen mit Ihren Büchern gutes Geld. Sind Sie Teil des Systems, das Sie vorgeben zu bekämpfen?
Ich verdiene mit meinen Büchern keinen Cent. Ich muss die gesamten Erlöse für Rechtsstreitigkeiten und Prozesskosten ausgeben, dauernd werde ich von Banken und anderen Finanzkapitalisten mit Klagen überzogen. Ich stehe auf der Seite der Opfer.

Zehn Fakten zum G20-Gipfel:

Sie werden in Hamburg auf Gegenveranstaltungen zu dem Gipfel der zwanzig führenden Wirtschaftsmächte auftreten. Wie lautet Ihre Botschaft?
Das Forum der G 20 mit Ländern wie Deutschland, China und den USA ist total undemokratisch. Die G-20-Länder repräsentieren nur einen Teil der Erdbevölkerung und haben kein Recht, für die ganze Welt Entscheidungen zu treffen. Die Regierungen der G 20 sind nichts anderes als Befehlsempfänger der Großunternehmen und Oligarchen. In Hamburg formiert sich der globale Widerstand dagegen. Dabei setze ich besonders auf die deutsche Zivilgesellschaft, die unheimlich lebendig ist

Die Regierungen der meisten G-20-Mächte werden wie in Deutschland oder Frankreich demokratisch gewählt.
Die Menschen in der westlichen Welt leben in simulativen Demokratien. Die gewählten Institutionen wie die Parlamente funktionieren zwar nach außen. Sie verfügen aber nicht über die eigentliche Macht. Die Finanzoligarchen haben die Macht, und sie bestimmen die Gesetze, sie entziehen sich jeglicher Kontrolle und trachten nur nach Profitmaximierung, um jeden Preis. Der Kampf gegen die G 20 ist auch ein Kampf gegen die simulative Demokratie.

Können Sie Ihre Behauptungen belegen?
Ja. In meinem neuen Buch schreibe ich über die Finanzoligarchen und Geierfonds. Die Eigentümer der Geierfonds wie Michael Sheehan von Donegal International oder Peter Grossman von FG Capital Management gehören zu den gierigsten Beutejägern des kapitalistischen Systems. Sie pressen das letzte Geld aus armen Ländern heraus.
Wie wollen Sie Ihren Kampf gegen Finanzoligarchen und Großunternehmen gewinnen?
Im UN-Menschenrechtsrat kämpfen wir für eine normative Kontrolle großer Konzerne. Wenn die Mitgliedsländer der UN zustimmen, können ausgebeutete Arbeiter schon bald Großunternehmen in deren Heimatland verklagen. Südamerikaner wären in der Lage, den Multi Nestlé in Vevey in der Schweiz wegen Menschenrechtsverletzungen vor Gericht zu bringen. Das wird den Konzernen richtig wehtun.

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