Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben

Beate Rössler , Jahrgang 1958, ist Professorin für Philosophie an der Universität Amsterdam. Sie forscht unter anderem zum Verhältnis von Freiheit,Selbstbestimmung und Privatsphäre. Zuletzt erschien bei Suhrkamp ihr Buch „Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben“.

SPIEGEL ONLINE: Frau Rössler, in Ihrem Buch erwähnen Sie das reale Beispiel der Nordafrikanerin Faiza X.: eine Salafistin, die einen Ganzkörperschleier trägt, ihrem Mann gehorcht und das Haus nur verlässt, um ihre Kinder zur Schule zu bringen. Führt diese Frau ein autonomes Leben?

Rössler: Das kommt darauf an, was man von dem Leben dieser Frau verstehen will oder verstehen kann, ob man ihr zugesteht, auch aus eigenen, reflektierten Beweggründen zu handeln. Faiza X. wurde in Frankreich die Staatsbürgerschaft verweigert mit der Begründung, die radikale Praxis ihrer Religion sei mit den Werten der französischen Gemeinschaft unvereinbar. Eine Entscheidung, die auf einem extrem anspruchsvollen Autonomiebegriff fußt.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Rössler: Diese Vorstellung von Autonomie ist so hoch gegriffen, weil sie fordert, dass Menschen sich unabhängig machen sollen von individuellen, sozialen und kulturellen Umständen. Wer könnte dem schon genügen? An so einem hohen Anspruch würden doch sehr viele Menschen scheitern, nicht nur Burkaträgerinnen. Ich plädiere deshalb für eine Idee von Autonomie, die gerade nicht nur eine große allgemeine, ideale Regel aufstellt, die für jeden Einzelfall gelten soll. Stattdessen halte ich es für sinnvoller, Bedingungen und Einschränkungen gelebter Autonomie mitzudenken. Das ist ein nicht idealer Ansatz, so wird dies häufig in der philosophischen Diskussion genannt.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie das näher – am besten für Menschen, die nicht Philosophie studiert haben.

 Rössler: Gerne. In liberalen Gesellschaften gehen wir heute allgemein davon aus, dass wir das Recht auf autonome Entscheidungen haben. Das bedeutet auch, so argumentiere ich, dass ein Leben gegen den eigenen Willen kein gelungenes wäre. Die Idee der Autonomie geht ursprünglich zurück auf Kant. Doch ist sein Autonomiebegriff, der Autonomie mit vernünftigem und moralischem Handeln gleichsetzt, nicht mehr überzeugend.

SPIEGEL ONLINE: Was kritisieren Sie daran?

Rössler: Autonomie sollte, gegen Kant, breiter, als persönliche Autonomie begriffen werden, die nie ideal ist, sondern auch immer wieder Einschränkungen unterliegt. Einschränkungen von innen etwa: Selbsttäuschung oder die Unfähigkeit, sich angesichts von unterschiedlichen Möglichkeiten für etwas zu entscheiden. Und auch Einschränkungen von außen: zum Beispiel ungerechte Chancen und Diskriminierung in einer Gesellschaft, die einen an Selbstbestimmung hindern.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Menschen, die erfüllt scheinen, obwohl sie ihr Leben nicht steuern können – Forrest-Gump-Typen, die von einer Situation in die nächste fallen, ohne über die mangelnde Autonomie unglücklich zu sein.

Rössler: Das finde ich einen merkwürdigen Begriff des guten Lebens. Der passt vielleicht auf kleine Kinder, die noch nicht selbstbestimmt handeln können, die aber liebende Eltern haben – oder eben auf die Filmfigur Forrest Gump, der ja auch etwas Kindliches hat. Aber sonst hat es immer etwas Paternalistisches, wenn ein gutes Leben als nicht autonom beschrieben wird, wenn man zum Beispiel Leuten, die nicht in westlichen Demokratien leben, zuschreibt, sie könnten gut leben, auch wenn sie nicht selbstbestimmt sind.

SPIEGEL ONLINE: Was hindert Menschen in liberalen Demokratien denn daran, selbstbestimmt zu leben?

Rössler: Wenn wir nur auf die möglichen inneren Hindernisse schauen, dann gehen viele ideale Autonomietheoretiker zum Beispiel davon aus, dass Ambivalenzen ein autonomes Leben verhindern. Das ist aber nur der Fall, wenn Menschen sich von widerstrebenden Wünschen oder Möglichkeiten komplett lähmen lassen, nichts mehr entscheiden. Oder sich doch entscheiden, aber so neurotisch sind, dass sie für immer damit hadern, einen bestimmten Weg gewählt zu haben. Ich glaube, dass es immer zu unserem Leben gehört, widersprüchlich in unseren Wünschen und Ideen zu sein – sich diese Widersprüchlichkeit zu gestatten, ist auch eine autonome Einsicht, weil sie uns erlaubt, unterschiedliche Rollen im Leben zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie das genauer.

Rössler: Ich verwende sehr gerne literarische Beispiele. In Siri Hustvedts Roman „Die gleißende Welt“ muss die Hauptfigur unterschiedliche soziale Rollen ausfüllen, um die eigenen Projekte zu realisieren: Sie ist eine feministische Künstlerin im von Männern dominierten Kunstbetrieb und bekommt Aufmerksamkeit erst, als sie ihre Kunst unter dem Namen von jungen Männern veröffentlicht – gleichzeitig ist sie aber auch eine liebende Ehefrau, an der Seite eines erfolgreichen Mannes, der gerade diesen Kunstbetrieb mitorganisiert. Das passt nicht zusammen, sie ist zerrissen. Aber wenn ihr diese Rollen gelingen, ist sie in ihrer Zerrissenheit auch autonom.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch ein reales Beispiel?

Rössler: Verschiedene Rollen spielen wir natürlich immer im Leben – in der Familie eine andere als am Arbeitsplatz etwa. Wie wichtig das ist, merken wir erst, wenn uns das schwer gemacht wird, zum Beispiel in sozialen Netzwerken. Hier können diese Rollenspiele gefährdet werden. Die Autonomie, bestimmen zu können, welche Aspekte des Selbst man in welchen Kontexten preisgeben, welche Neuigkeiten man mit wem „teilen“ will, wird hier gerade behindert. Wir lernen ja schon als Kleinkinder, dass wir uns zum Beispiel im Supermarkt anders verhalten sollen als daheim im Wohnzimmer. Im Netz wird uns diese Entscheidung oft genommen. Man gibt Dinge und Informationen preis – an Konzerne genauso wie an Bekannte und Verwandte -, die man gar nicht preisgeben wollte.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein solcher Rollentausch denn überhaupt so einfach? Das soziale Umfeld merkt doch sowieso schnell, ob jemand in eine Rolle hineingewachsen ist, oder ob er sie nur spielt – und sanktioniert das dann auch, weil man halt doch nicht dazugehört.

Rössler: Man kann auf Widerstände stoßen, die man nicht erwartet hat. Aber es hat natürlich auch keinen Sinn, einfach nur darauf zu warten, dass endlich ein autonomes Leben anfängt. Ian McEwan beschreibt in seinem Roman „Solar“ das Leben eines alternden Wissenschaftlers, der sein Leben lang auf eine Art befreiende Hochebene wartet, die gleich hinter der nächsten Wendung des Lebens liegt. Diese Hochebene ist für ihn die des autonomen, erwachsenen Lebens, wenn alle Mails beantwortet und alle Papiere, Klamotten und Finanzen sortiert sind. In genau dieser Erwartungshaltung finden sich bestimmt viele Menschen wieder. Ein Selbstmissverständnis – denn diese Hochebene kommt natürlich nie.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Rössler: Weil es das ideale, vorhersehbare Leben nicht gibt – Biografien funktionieren nicht nur nach rationalen Regeln, man muss mit Schicksalsschlägen umgehen, mit Veränderungen, man lebt immer schon in Beziehungen und Verpflichtungen. Autonomie bedeutet ja gerade, mit diesen nichtidealen Bedingungen halbwegs vernünftig umgehen zu können. Statt sich nach Ordnung zu sehnen, legt der autonome Mensch deshalb – immer mal wieder – vor sich selbst Rechenschaft ab: Ist das so, wie ich leben will? Bin ich zu ängstlich, um bestimmte Dinge zu tun? Oder will ich sie einfach nicht genug? In unserer Gesellschaft geht es häufig um solche individuellen Bedingungen, die Autonomie verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht falsch, individuelle Bedingungen dermaßen zur Norm zu erheben? Weil der, der die Verantwortung für seinen Lebensweg nur bei sich selbst sucht, die Fähigkeit zur Gesellschaftskritik verliert?

Rössler: Ich zeige gerade, dass Autonomie immer mit anderen gelebt wird – autonom ist man nie allein. Der Individualismus scheint mir eher das Problem der Besinnungsliteratur, die derzeit so in Mode ist und sehr gut passt zu einem neoliberalen Wirtschaftssystem. Sie setzt vordergründig bei der Selbstbestimmung des Individuums an, macht es aber auch für sein Scheitern alleinverantwortlich. Genau davon will ich weg. Autonomie ist immer sozial verankert, wird erlernt von anderen, in Familien, aber auch zum Beispiel in öffentlichen Schulen, die den Kindern den hohen Wert von Selbstbestimmung vermitteln, ihnen mitgeben: Egal, was ihr seid – ihr könnt dabei auf jeden Fall selbstbestimmt sein. Dann können sie auch besser lernen, gegen repressive Strukturen zu kämpfen, die es natürlich auch in Demokratien gibt.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie noch einen Tipp geben, wie man Autonomie im Alltag leben kann?

Rössler: Lieber nicht. Ich bin Philosophin, nicht Lebensratgeberin. Das ist nicht meine Nische, das machen andere.

SPIEGEL ONLINE: Einen zumindest?

Rössler: Es hilft immer, das eigene Leben zu reflektieren, darüber nachzudenken, ob Entscheidungen richtig waren oder ob man sich etwas vormacht. Doch die meisten Menschen denken sowieso über ihr Leben nach. Philosophen meinen zwar häufig, sie würden sich Gedanken machen, die normale Menschen nicht kennen – aber das halte ich für arrogant.

 

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/philosophin-beate-roessler-im-interview-was-ist-selbstbestimmtes-leben-a-1155708.html

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